Dienstag, 3. Juli 2012

Die Shakespeare-Schwestern von Eleanor Brown



Titel: Die Shakespeare-Schwestern
Originaltitel: The Weird Sisters
Autor: Eleanor Brown
Verlag: inseltaschenbuch
ISBN: 978-3-458-35835-0
Preis: 14,99€
Seiten: 374










Der Chef entdeckt die Steuerhinterziehung? Ungewollt schwanger von dem netten Unbekannten? Der Partner nimmt einen Job am anderen Ende des Atlantiks an? Und zu allem Überfluss erkrankt die Mutter auch noch an Krebs?
So ergeht es den drei Schwestern Rosalind, Bianca und Cordelia aus Eleanor Browns Debütroman "Die Shakespeare-Schwestern". Nach ihrem Literaturstudium veröffentlichte sie zunächst Texte und Geschichten in Anthologien und Zeitschriften. "Ich dachte an eine Geschichte, die schon jahrelang im meinem Kopf herum spukte, daraus wurden die Shakespeare-Schwestern", so die Autorin auf ihrer Homepage über die Entstehung des Buches.
Unterschiedlicher als Rose, Bean und Cordy können Schwestern wohl kaum sein: Bianca, die Karrierefrau, die in New York ihr Glück versucht, Rose, die Bodenständige, die an ihrer akademischen Laufbahn feilt und Cordelia, die Losgelöste, die sich ohne festen Job und Wohnort durch die Welt treiben lässt. Die einzige Gemeinsamkeit der drei scheint die Namensverwandtschaft zu einer der vielen shakespear'schen Frauen zu sein. Rose, nach Rosalind aus "As You Like It" benannt, einer intelligenten, willensstarken Frau, Bianca, die der schönen Zweitgeborenen aus "The Taming of the Shrew" nachempfunden wurde und Cordelia, die jüngste, geliebte Tochter aus "King Lear". Trotz der offensichtlichen Vorbilder der Charaktere und deren Eigenschaften ist "Die Shakespeare-Schwestern" jedoch keine Nacherzählung der genannten Dramen, sonder jede der jungen Frauen geht ihren eigenen Weg.
Alle drei mit ihren Problemen beschäftigt, als ihr exzentrischer Vater sie auf seine ganz eigene Weise über die Krebserkrankung ihrer Mutter informiert.
"Die zweite [Nachricht] stammte von unserem Vater. Er kommuniziert beinahe auschließlich über fotokopierte Seiten aus dem Riverside-Shakespeare. [...]
'Kommt, gehn wir; und zu allen Göttern fleht für unsere Mutter, die in Wehen liegt.'
Und so erfuhr Cordy, dass unsere Mutter Krebs hatte. So erfuhr sie, dass wir nach Hause mussten." (E.Brown, Die Shakespeare-Schwestern; S.12,f)
Nacheinander trudeln sie im Hause ihrer Eltern ein: Bianca, die in einer New Yorker Anwaltskanzlei Steuern hinterzogen hat und sich nun vor deren Schrecken in das sicher anmutende Heim der Kindheit flüchtet, Cordy, die von einer flüchtigen Bekanntschaft schwanger geworden ist und Rose, die schon immer in der Nähe der Eltern gewohnt hat und zwischen ihrem Verlobten, der in England arbeitet, der heimischen Sicherheit und dem Verantwortungsgefühl ihrer Eltern gegenüber hin und her gerissen ist.
Gemeinsam unter einem Dach, kämpft doch jede mit ihren eigenen Problemen, anstatt in der Familie um Hilfe zu bitten, denn alle schämen sich ihres Versagens wegen. So verstecken sie ihre Probleme hinter Shakespeare-Zitaten und ziehen sich in die Welt der Literatur zurück.
"Wir kamen nach Hause, weil wir Versager waren. Das würden wir natürlich nicht zugeben, nicht gleich, nicht vor uns selbst und gewiss nicht vor anderen." (E.Brown, Die Shakespeare-Schwestern; S.11)
Das Lesen ist eines der Hauptmotive in "Die Shakespeare-Schwestern" und steht stellvertretend für alle Arten der Realitätsflucht, bei der sich wohl jeder hin und wieder ertappt. Gelesen wird in der Familie Andreas immer und überall: auf dem Sofa, im Bett oder im Krankenhaus, während der Bestrahlungstherapie der Mutter.
Erzählerisch ist sehr schön dargestellt, wie die Charaktere sich nur langsam überwinden können, miteinander zu reden. Durch Flashbacks in die Vergangenheit wird immer wieder das Verhältnis der Schwestern zueinander dargestellt: obwohl sie eine harmonische Kindheit verlebt haben, faden sie sich immer wieder in der Situation zwei gegen eine wieder, bei der die eine mit aller Macht versuchte, in den Kreis der Schwestern zurück zu gelangen. Auch die meiste Aufmerksamkeit der Eltern zu bekommen ist etwas, um das alle drei Kämpfen. Trotz ihrer Unterschiede und Reibereien lieben sich die Schwestern aber, auch wenn es nicht immer den Anschein macht. Seltene Szenen gemeinsamer Unternehmungen und insbesondere der Erzähltstil unterstreichen dies.
Das außergewöhnlichste an diesem Roman ist wohl die Erzählperspektive. Nicht den gängigen Ich-Erzähler oder Personal-Erzähler wählt Brown für ihre Geschichte, sondern einen in der ersten Person Plural - einen "Wir-Erzähler". Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, scheint diese Art des Erzählens doch die einzig sinnvolle für diese Geschichte, denn sie unterstreicht, dass die Schwestern trotz ihrer Differenzen untereinander unzertrennlich miteinander verbunden sind. Durch diesen Erzähler wird schon zu Beginn der Geschichte angedeutet, dass die Schwestern am Ende enger zusammenwachsen.
Ein erster Schritt in diese Richtung ist auch, dass die Schwestern anfangen, sich selbst ihre Fehler einzugestehen und - zumindest Bruchstückhaft - miteinander darüber zu reden. Gelungen ist dabei die langsame Entwicklung in diese Richtung, begonnen bei der Leugnung, über das Eingestehen, das Reden und schließlich das Ändern des Lebenswandels. Zu diesem letzten Schritt brauchen jedoch alle drei einen Anstoß von außenstehenden.
"Deine Geschichte, Bean, ist die Geschichte deiner Schwestern. Und ich finde, es ist höchste Zeit, dass du aufhörst, diese Geschichte zu erzählen und anfängst, deine eigene zu erzählen." (E.Brown, Die Shakespeare-Schwestern; S.356)
Sehr eindrücklich wird so gezeigt, dass man nicht alle Probleme alleine lösen muss und vor allem kann und dass es nicht von Schwäche, sondern von Stärke zeugt, um Hilfe zu bitten. Liebevoll und einfühlsam, ohne viel Action erzählt, lässt sich beobachten, wie tatsächlich jede der drei beginnt ihren eigenen Weg zu gehen und sich von den shakespear'schen Vorbildern ihrer Persönlichkeiten abwendet. Und obwohl nur das alltägliche Leben geschildert wird, wird der Roman durch die inneren Konflikte der Charaktere nie langweilig.
Lediglich das Ende ist etwas zu glücklich ausgefallen. Denn obwohl vieles offen bleibt, wird doch gezeigt, dass alles wieder im Lot ist und es scheinbar keine Probleme mehr gibt. Eine abgemilderte Form dessen wäre im Hinblick auf den übrigen Roman geschickter gewesen, denn so verliert sich etwas von der Realitätsnähe der Erzählung.
Alles in allem ist "Die Shakespeare-Schwestern" aber eine wundervolle Geschichte über Familie, das Erwachsenwerden und die Hürden, die das Leben stellt, die während angenehmer Lesestunden nicht nur zum mitfühlen, sondern auch zum nachdenken anregt.