Montag, 16. Mai 2011

Rezension zu "Alles aus Berechnung" von Kirsten Winkelmann

"Liebe - das war doch nicht mehr als pubertäre Schwärmerei! Und Ehe - das war doch ein anderes Wort für eine Zweckgemeinschaft!"

Madita von Eschenberg ist eine junge Frau aus gutem Hause. Doch eines Tages muss sie erfahren, dass die elterliche Firma vor dem Ruin steht und es bald mit dem Luxusleben vorbei ist - es sei denn, Madita würde den Sohn ihres größten Konkurrenten heiraten. Eine Zweckehe aus reiner Berechnung? Madita wehrt zunächst empört ab, doch es scheint keinen anderen Ausweg zu geben. Und so erklärt sie sich schließlich bereit, einen völlig Fremden zu heiraten, der zu allem Überfluss nicht nur ziemlich kauzig, sondern auch noch blind ist...

Der Klappentext hat mich neugierig gemacht und zunächst wurde ich auch nicht enttäuscht: Obwohl vorher wusste, dass Madita Samuel, den Blinden, heiraten würde, hab ich doch zwischenzeitlich daran gezweifelt. Es war spannend zu lesen, wie sie sich zu der Entscheidung durchgerungen hat und auch die ersten Tage und Wochen des Ehelebens ließen die Seiten nur so dahinfliegen.
Dann beginnen Samuel und Madita, sich besser zu verstehen und ein deutlicher Einschnitt ist zu sehen. Bis dahin sind bereits 200 Seiten verflogen und der Autorin scheint eingefallen zu sein, dass sie ja noch unglaublich viele Ideen hat, die noch mit einfließen müssen. Dazu muss man wissen, das sie anscheinend überzeugte Christin ist und dass dieser Aspekt auf keinen Fall fehlen darf. Hinzu kommt noch ein Todesfall (eine von Maditas Patientinen ist gestorben, sie hängt sehr an dem Kind, obwohl sie Kinder vorher nicht ausstehen konnte), Einbüche, ein Vergewaltigungsversuch und ein Mordversuch. Das alles und die vielen überaus religiösen Menschen, die auf einmal wie Unkraut aus dem Boden zu sprießen beginnen, tauchen in Maditas Umfelt auf und schaffen es schließlich, sie zu bekehren. Das konnte mich überhaupt nicht überzeugen. Es wirkte gewollt und aufgezwungen. Auch sonst hätte Winkelmann gut daran getan, einige Ereignisse zu streichen, es hätte dann viel weniger überladen und gestresst gewirkt, denn das schien die Autorin beim schreiben gewesen zu sein:

Sie hetzt ziemlich durch das Buch, sodass man als Leser kaum Zeit hat, das eben gelesene zu verdauen. Auch merkt man ihrem Schreibstil deutlich an, dass die gute Frau Steuerbeamtin ist, denn die Sprache ist teilweise so gefühlvoll, wie eine Steuererklärung. Die Sätze sind kurz und sie wiederholt immer wieder einige wenige Formulierungen sodass es einem nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven geht. Auch Beschreibungen wie "sie machte kurz noch dies" und "sie erledigte schnell noch das" stressen unglaublich. Außerdem hat mich gestört, dass sie immer wieder genauste Beschreibungen abgegeben hat. Mir ist relativ egal, ob Madita um neun oder um zehn frühstückt und ob der Bootsteg 15, 16 oder 17 Meter lang ist. Da hätten allgemeinere Bezeichnungen wie "früh morgens" oder "gegen mittag" besser gepasst oder diese Angaben hätten weggelassen werden sollen. Lästig fand ich auch, dass Winkelmann immer wieder einen kompletten Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen beschrieben hat. Dadurch waren viele unwichtige Dinge dabei, die man hätte weglassen können. Auf die überfüllte Handlung habe ich grade schonmal angesprochen, aber sprachlich schienen insbesondere die religiösen Themen gezwungen und aufgesetzt. Entweder hätte man es weglassen oder anders und mit viel mehr Einfühlungsvermögen einbauen müssen, anstatt mit der Holzhammermethode. Sprachlich hat mich das Buch überhaupt nicht angesprochen und ich finde es schade, dass eine anfangs doch sehr vielversprechende Handlung durch schlechte Formulierungen so abgewertet wird.

Auch die Charaktere sind eine Sache für sich. Madita genießt ihren Luxus und wird als erfolgreiche Frau beschrieben, die Männern den Kopf verdeht. Unpassend fand ich bei ihr ihre Essgewohnheiten: Ständig war von Essen die Rede und das im Übermaß: zum Kaffeetrinken mehrere Stücke Kuchen/ Torte und zwei Stunden später zwei Tiefkühllasagnen? Tut mir leid, aber das nehme ich der guten Frau Winkelmann nicht ab.
Samuel hat mir hingegen ganz gut gefallen, wobei ich nicht nachvollziehen konnte, dass er nicht wusste, welche Möglichkeiten es für Blinde gibt, und das in mehreren Hinsichten.
Insgesamt fand ich die Figuren aber ganz ok, wenn Madita sich von der toughen Karrierefrau zu einem weinerlichen etwas gewandelt hat und ihre "Bekehrung" mir nicht glaubwürdig erschien.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte über das Ende des Buches verlieren, über das ich mich ziemlich geärgert hatte. Madita ist zu feige, Samuel ihre Liebe zu gestehen und erst, als sie aufgefordert wird, sich von ihm scheiden zu lassen lenkt sie in letzter Minute ein und steht zu ihren Gefühlen. Ein Geständnis in trauter Zweisamkeit, bei dem nicht die gesamte Familie anwesend ist, hätte mir um klassen besser gefallen und war auch das, worauf ich die ganze Zeit hingefiebert habe. Leider wurde ich da enttäuscht.

Fazit:
Zwar habe ich jetzt viel negatives über diesen Roman gesagt, jedoch fand ich ihn durchaus lesenswert. Die Grundidee der fast schon Zwangsehe zwischen Madita und dem blinden Samuel und die gesellschafltichen Probleme, die diese mit sich bringt, finde ich nach wie vor gut. Im Laufe der Geschichte ist Winkelmann jedoch über das Ziel hinausgeschossen. Sprachlich konnte der Roman auch nicht überzeugen. Trotzdem hatte ich einige schöne Lesestunden.

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